Was ist Borderline ?


Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) leiden in der Regel an einem Muster instabiler Verhaltensweisen, für das nachfolgende Beschwerden und Symptome (DSM-IV Klassifikationssystem der American Psychiatric Association) charakteristisch sind:

  • Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.


  • Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist


  • Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung. 


  • Impulsivität in mindestens zwei selbstschädigenden Bereichen (Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Essanfälle).



  • Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z. B. hochgradige episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Stimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern).


  •  Chronische Gefühle von Leere.


  • Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen). 


  • Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.


© 2012, Springer-Verlag Berlin Heidelberg, Aus: Kircher (Hrsg.): Kompendium der Psychotherapie

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Borderline: Definition und Ursachen

Borderline: Diagnose und Anlaufstellen

Borderline: Therapiemöglichkeiten

Die Stärken von Borderline

Die meisten Borderliner sind enorm sensitiv, emotional und haben ein großes Einfühlungsvermögen. Die Wahrnehmung ist viel intensiver ausgeprägt als bei anderen Menschen. Sie können aus vielem eine tiefere Bedeutung herauslesen. Unheimlich schnell können sie die Emotionen und Bedürfnisse von anderen erkennen. Oft sind sie kreativ und haben ein facettenreiches Persönlichkeitsbild. Sie können den Kern einer Sache sofort erfassen und Situationen intuitiv deuten. Viele Borderliner sind sehr belastbar und geben nie auf, zudem kommt noch ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn dazu.

Im Therapie-Programm von Schmitz et. al. wird der Borderline Persönlichkeitsstil auch wie folgt beschrieben:

“Für sprunghafte Menschen ist das Leben eine Achterbahn. Sie brauchen immer eine tiefe romantische Beziehung zu einem anderen Menschen und treten voller Leidenschaft und Intensität mit dem Leben und anderen Menschen in Kontakt. Sie reagieren auf Jeden und finden in allem, was ein Anderer sagt oder tut, eine emotionale Bedeutung. Sie sind daher leicht geschmeichelt und erfreut, genauso schnell aber am Boden zerstört oder enttäuscht. Sie zeigen was sie fühlen, sind hemmungslos, spontan, lieben Spaß und haben keine Angst vor Risiken. Phantasievoll und neugierig treten sie anderen Kulturen, Rollen und Wertsystemen entgegen, experimentieren gerne und sind bereit neuen Pfaden zu folgen.“

Aus Schmitz, Schuhler, Handke-Raubach, Jung. 2001 Pabst Science Publishers

“Die Österreichische Gesellschaft für Dialektisch Behavioralen Therapie und Skills-Training (ÖDBT) hat als Logo einen Kaktus mit einer wunderschönen Blüte gewählt.

Der Kaktus symbolisiert das charakteristische Verhalten von Abwehrbereitschaft und Angst durch andere verletzt und enttäuscht zu werden, die Blüte die Sehnsucht nach Nähe, Geborgenheit, Sicherheit und Liebe, aber auch die Anziehungskraft, die Borderline-Menschen oft auf andere ausüben.“ (Aus Sendera A. und Sendera M. (2010): Borderline – die andere Art zu fühlen, Springer-Verlag/Wien)

Der Kaktus 

Sie lernen einen wunderschönen, blühenden „Kaktus" kennen. Seine strahlende Schönheit und Einzigartigkeit zieht Sie stärker an, als Sie es jemals für möglich gehalten hätten, er scheint Sie schier zu blenden und Sie wollen ihn kennen lernen, Sie wollen ihm nahe sein. 

Je näher Sie ihm kommen, desto größer scheint die Glückseligkeit zu werden, in der Sie schweben, desto berauschender ist das Gefühl, in gemeinsamer Umarmung scheinbar in den siebenten Himmel hinauf zu fliegen. 

Doch dann passiert, was Sie niemals für möglich gehalten hätten: in Ihrem Glück haben Sie übersehen, dass dieser Kaktus gefährlich spitze Stacheln hat, die sich nun tief in Ihr Fleisch bohren. 
Erschrocken lassen Sie den Kaktus jäh los, verwirrt, wütend und traurig. Was war passiert? Haben Sie etwas falsch gemacht?
Waren Sie zu nahe, haben Sie den Kaktus zu fest gedrückt?
So wie sie gemeinsam in das höchste Glück hinauf gestiegen sind, so fallen sie nun beide getrennt voneinander hinunter auf den harten, kalten Boden. 
Sie sehen, dass Sie bluten und können nicht verstehen, wie Ihnen der schöne Kaktus das antun konnte. Sie wenden sich ab, möchten ihn zurücklassen (wie er Sie im Stich gelassen hat).
Doch nach einer Weile blicken Sie noch einmal zurück und sehen ihn. Diesen wunderschönen, blühenden Kaktus, der wie Sie zu Boden gefallen und verletzt ist, verstörter wahrscheinlich noch als Sie selbst. 
Er kann nicht begreifen, warum er das getan hat, fühlt sich schuldig und gleichzeitig selbst verdammt. Er hat Angst verlassen zu werden, will vor dem Chaos in seinem Inneren fliehen, einfach nur noch sterben.
Während Sie zurücksehen, beginnen sich Ihre Wunden bereits zu schließen, der Schmerz verblasst zu einer Erinnerung, diese zu einem Nichts. 
Sie sehen nur noch diesen hilfsbedürftigen, bezaubernden blühenden Kaktus, strahlend wie die Sonne, welche uns die Sterne nicht sehen lässt und verspüren den Wunsch, ihm nahe zu sein, ihn in den Arm zu nehmen und 
... die Geschichte wiederholt sich. 

Mag sein, dass es beim nächsten Mal bereits länger dauert, bevor Sie zurück sehen und wieder auf den herrlichen Kaktus zugehen. Sie haben Angst, wieder und wieder verletzt zu werden, glauben, nun aus Erfahrung klug geworden zu sein - schließlich müssen Sie sich selbst schützen und verhindern, dass Sie eines Tages nicht mehr die Kraft haben, zurückzuspringen und an den Stacheln verbluten.
Oder Sie verschließen Ihr Herz und werden wütend, lernen, sich zu wehren und dem Kaktus Ihrerseits Schaden zuzufügen. Sie beginnen zu kämpfen.
Gut möglich, dass Sie gewinnen - viel mehr Schutz als seine Stacheln hat der Kaktus nicht. Wenn Sie dann aber sehen, um welchen Preis Sie gewonnen haben, die Zerstörung des geliebten und bewunderten Kaktus, wird dieser Sieg bitter werden und Sie wahrscheinlich verzweifelter als vorher zurück lassen.
Die sich immer wiederholende Schleife mag wie eine ausweglose Situation erscheinen und die einzige Lösung ein Vermeiden jeglichen Kontaktes zu sein und auf das erfahrene Glück zu verzichten.
Vielleicht gibt es aber einen anderen Weg - vielleicht können Sie dem Kaktus zeigen, dass er auf seine Stacheln verzichten kann, wenn Sie bei ihm sind. Vielleicht können Sie selbst lernen, die Stacheln schon im Vorhinein zu sehen und aufzupassen, sich nicht zu verletzen …

Sonja K. Sutor
(Aus Sendera A. und Sendera M. (2010): Borderline – die andere Art zu fühlen, Springer-Verlag/Wien)

Fotos der Kakteen:  Marcus Kratz